Der Rattrapante: der Schleppzeiger-Chronograph
Ähnlich wie bei der Minutenrepetition stellt die Mechanik des Schleppzeiger-Chronographen eine besondere Herausforderung für die Uhrenkonstrukteure dar. Schließlich gilt es, die Aufgabe zu meistern, zwei Stoppmechanismen in einer Uhr unterzubringen und sie miteinander zu koppeln. Heraus kommt ein Chronograph für Feinschmecker.
Im letzten Jahrhundert wurde der Doppelzeiger-Mechanismus auch Nachspringende Sekunde genannt, noch ohne Nullstellung und im Taschenuhr-Format. heute kennen ihn die Uhrenliebhaber eher unter dem Synonym Rattrapante. Ein Uhrwerk, bei dem die Nullstellung beider Zeiger möglich war, schuf Adolphe Nicole. Das Wort hat seinen Ursprung in dem französischen Verb rattraper, was soviel heißt wie wieder erhaschen, einholen. Treffender läßt sich das System nicht übersetzen, erhascht doch der Schleppzeiger, ein zweiter großer Schleppzeiger, ein zweiter großer Stoppzeiger, nach dem Stoppen einer Zwischenzeit den anderen Stoppzeiger nach dem erneuten Betätigen des Drückers.
Erst um 1880 entstand jene Form, bei der die Doppelzeiger-Zange sichtbar über dem Werk lag. Trotzdem besaßen die ersten angebotenen Schleppzeiger-Chronographen noch Werke in Taschenuhr-Größe. In den 30er Jahren wurde die Chronowerke so weit verkleinert, daß sie auch in normale Gehäuse hineinpaßten. Zu diesem Zeitpunkt war der notwendige Schleppzeiger-Drücker noch in die Aufzugs-Krone integriert.
Nach 1968 wurde es ruhig um diese Technik - vor allem wegen des hohen technischen Aufwandes und der damit verbundenen zusätzlichen hohen Kosten. Anfang der 70er Jahre beherrschte außerdem die Quarzuhr den Markt.
Nachdem die komplizierte Technik jahrelang von ihrem Startplatz verschwunden war - das Quarzzeitalter läßt grüßen - lancierte Blanpain 1989 in Basel erneut den Rattrapanten, und er sollte nicht der einzige bleiben.
Mit einem Schleppzeiger-Chronographen lassen sich zwei Vorgänge mit gleicher Anfangszeit, jedoch unterschiedlicher Dauer stoppen, ohne den normalen Stoppzeiger anzuhalten. Der Rattrapante-Mechanismus arbeitet also unabhängig vom Nullstellen des Chrono- Zeigers, durch einen Drücker in der Krone oder einen dritten Drücker am Gehäuse, kann somit beliebig oft wiederholt werden.


Ansicht der Rattrapante-Technik mit Doppelzange
und Schaltrad von Lemania aus dem Jahre 1964.
Schleppzeiger-Chronographen oder Rattrapanten kann man grundsätzlich in zwei Gruppen unterteilen: Zum einen je mit Kalibern aus eigener Manufakturwerkstatt und zum anderen solche, die auf dem Valjoux/ETA-Werk 7750 basieren.
Die Gruppe der Manufakturwerke muß unbedingt mit dem Venus Kr. 179 beginnen. Es wird bereits seit mehr als 30 Jahren nicht mehr gebaut und offenbart sich - selbstverständlich neben seiner handwerklichen Finesse - durch den Schleppzeigerdrücker auf der Krone. Der erste Schleppzeiger der Neuzeit, das bereits oben erwähnte Piguet Kr. 1186 mit Doppelzangen-Mechanismus von Blancpain, wird auch an Breitling und Piaget geliefert. Das Patek Philippe 27-70/150 auf der Basis vom Lemania CH 27 erblickte zur Basler Messe 1995 das Licht der Öffentlichkeit.
Die zweite Gruppe der Rattrapanten schart sich um das Werk ETA-Valjoux 7750. Die gestiegene Käufernachfrage formulierte eine Reihe von Standards, die ein Rattrapantenwerk erfüllen sollte. Das Valjoux-Werk wurde dem gerecht: Automatisches Werk, vergleichsweise preiswerte Fertigung, robust und dennoch ganggenau auch bei der Betätigung der Funktionen. Damit ist aber nicht gesagt, daß hiermit langweilende Einheitlichkeit einzog. Unterscheiden lassen sich die beiden Schulen Jaquet-Baum (Schleppzeiger-Drücker auf der 8 mit Einfachzange) und Alfred Rochat et Fils (Drücker auf der 10 mit Doppelzange).
Es muß noch auf zwei Begriffe eingegangen werden: Der Mono-Rattrapante operiert nur mit einem Stoppzeiger und zwei Chronographen-Drückern. Solange man den unteren Drücker festhält, hält der Zeiger an der Zwischenzeit. Sobald man ihn losläßt, springt er auf die Position, die er hätte, wenn er weitergelaufen wäre. Beim Doppelzeiger-Chronograph spielt sich die Technik sichtbar auf dem Zifferblatt ab. Chronozeiger und Schleppzeiger sind über eine feine Spirale mit der Zeigerachse verbunden.