Besinnliches
Die Uhr
Ich trage, wo ich gehe,
stets eine Uhr bei mir;
wieviel es geschlagen habe,
genau seh ich an ihr.
Es ist ein großer Meister,
der künstlich ihr Werk gefügt,
wenngleich ihr Gang nicht immer
dem törichten Wunsche genügt.
Ich wollte, sie wäre rascher
gegangen an manchem Tag;
Ich wollte, sie hätte manchmal
verzögert den raschen Schlag.
In meinen Leiden und Freuden,
im Sturm und in der Ruh,
was immer geschah im Leben,
sie pochte den Takt dazu.
Sie schlug am Sarge des Vaters,
sie schlug an des Freundes Bahr.
Sie schlug am Morgen der Liebe,
sie schlug am Traualtar.
Sie schlug an der Wiege des Kindes,
sie schlägt, wills Gott noch oft,
wenn bessere Tage kommen,
wie meine Seel es hofft.
Und ward sie manchmal träger
und drohte zu stocken ihr Lauf,
so zog der Meister immer
großmütig sie wieder auf.
Doch stände sie einmal stille,
dann wärs um sie geschehn,
kein andrer, als der sie fügte,
bringt die Zerstörte zum Gehn.
Dann müßt ich zum Meister wandern,
der wohnt am Ende wohl weit,
wohl jenseits der Erde,
wohl dort in der Ewigkeit!
Dann gäb ich sie ihm zurücke
mit dankbar kindlichem Flehn:
Sieh Herr, ich hab nichts verdorben,
sie blieb von selber stehn.
Gabriel Seidl